Aber bitte nicht nachdenken

Ich muss zugeben, ich werde oft belächelt. Oder schief angeschaut. Meistens beides. „Du spielst Golf? Du bist doch noch keine 30 Jahre alt.“ Darauf sage ich meistens ganz deutlich gar nichts. Obwohl es eine berechtigte Frage ist, besonders wenn man davon ausgeht, dass ich weder ein Auto besitze noch einen festen Wohnsitz habe, um die Sportart überhaupt richtig auszuüben.

Klar kann man immer sagen, dass Golf spielen eine körperliche Herausforderung ist. Wirklich jetzt. Durchschnittlich zehn Kilometer Fußmarsch. Und das nur, wenn der Ball auch gerade fliegt, wie er soll. Nicht so ein Zick-Zack, das mehr an den Gang nach einer durchfeierten Nacht, als an Golf spielen erinnert. Hartgesottene schleppen das Equipment mit seinen 14 Stahl-Schlägern auch noch. Dann – im Idealfall – 76 Mal schlagen. Auch da – in meinem Fall – eher mehr. Aber das ist es nicht, warum ich Golf spiele. Ich spiele Golf, um Abzuschalten. Ich hab bisher keine vergleichbare Sportart gefunden, bei der man so wunderbar abschalten kann – besser ‚muss’ – sonst klappt es ja nicht.

Konzentrieren. Bloß nicht denken.

Ich habe eine ganze Palette von Sportarten, die ich je nach Aufenthaltsort ausübe. Ich jogge, schwitze beim Bikram Yoga, hänge regelmäßig im Park in meinem TRX rum, fahre auf der Rolle Rennrad, gehe schwimmen und übe mich im Muay Thai Kickboxen. Nachteil nur: Fahrrad fahren kann ich auch, wenn ich darüber nachdenke, dass ich noch Waschmittel kaufen muss. Joggen tue ich auch, wenn ich im Kopf die To-Do-Liste durchgehe und mir mit Schrecken auffällt, dass ich den Müll noch rausbringen muss. Trotzdem kann ich weiterlaufen. Oft sogar schneller.

Schwimmen gehen ist am schlimmsten. Da kann man ja nicht mal Musik hören. Die Gedanken rattern ‚Gleich, wenn ich vom Schwimmen komme, muss ich Mama anrufen, oder besser gleich von der Umkleide aus, dann den Anzug von der Reinigung abholen und bei der ganzen Schwimmerei, spring ich schnell in den Supermarkt und kaufe einen Kübel Ben & Jerry’s. Ach und ich muss noch den einen Satz in die PowerPoint einbauen für den Termin morgen. Uhhh und Staub saugen….’.

Nicht beim Golfen. Beim Golfen kann man so ziemlich alles, nur nicht an etwas anderes denken, als an den nächsten Schlag. Beim Bewegungsablauf muss man auf 25.000 Dinge gleichzeitig achten, aber bloß nicht zu sehr darüber nachdenken. Sonst klappt es ja nicht. Und über etwas anderes schon mal gar nicht. Das weiße Runde bewegt sich ja auch keinen Zentimeter von alleine. Bleibt alles am Spieler hängen. Zwischen den Schlägen bleibt genug Zeit, um den nächsten Schlag zu planen. Auch wieder keine Zeit an etwas von der To-Do-Liste zu denken. Und schwupps sind fünf Stunden vorbei. Und die Welt hat sich trotzdem weiter gedreht.

Ein Leben lang Golf

Die Gedanken an die E-Mail, die man noch schreiben muss oder den leeren Kühlschrank, der seit fünf Stunden gefüllt werden sollte, kommen früh genug. Nach dem Golfen kann man sich wieder den ganzen langweiligen, notwendigen Dingen im Leben hingeben, darüber nachdenken, umdenken, ergänzen und abhacken. Aber fünf Stunden hab ich meine Ruhe. Fünf Stunden kann ich entspannen. Und das Gute beim Golf, das geht so ein Leben lang. In 50 Jahren werde ich bestimmt nicht mehr in feinster Street-Fighter-Manier auf einen Sandsack einkloppen. Eher, dass ich einen Ball in Richtung Loch bekomme – vielleicht im Zick-Zack und vielleicht in 20 Meter Abständen, aber irgendwie wird es schon gehen.