Atlantik

Nach der Überfahrt von Amerdale auf der Isle of Skye nach Mallaig waren wir wieder auf dem Festland angekommen. Es war ein klarer Herbsttag, an Deck säuselte eine leichte Brise, die Sonne wärmte das Gesicht und das Boot glitt durchs ruhige Wasser. Die Fahrt mit der Autofähre dauert nur 20 Minuten und der erste Weg auf festem Boden führte uns zum Traigh Golf Course, auf der Strecke von Maillaig nach Fort Williams. Einer der schönsten neun Loch-Plätze auf diesem Planeten. Mit Blick auf den Atlantik und die Inseln Eiig, Rum und Skye der Inneren Hebriden, liegt der über 100 Jahre alte Platz an der schottischen Westküste. Vom Parkplatz gingen wir über eine kleine Straße durch den Gartenzaun zu einem Cottage, dem Clubhaus und bezahlten unsere 20 Pfund Greenfee pro Person.

Den Abschlag hab ich gefunden, aber wo ist jetzt die Fahne?

Loch 1 Captain’s Caper, nur knapp 120m lang, geht steil hinter dem Clubhaus hinauf. Oben auf einer Düne liegt versteckt das Grün. Vom Abschlag aus hatte ich gerade aus gezielt. Geflogen ist der Ball nach links, gerade auf die oberste Dünenkante. Auch wenn das anders geplant war, lag der Ball kurz vor dem Grün. Praktisch. Merke: Wenn die Fahne nicht in Sicht ist, nicht verzagen, sondern einfach schlagen.

Loch 2 - Traigh Golf Course

Loch 2 & 3 – Traigh Golf Course

Loch 2, Spion Kop ein 410m PAR 4, wird vom höchsten Punkt des Platzes abgeschlagen. Entweder direkt über ein Tal auf die nächste Düne oder links vorbei. Das Fairway fällt schräg ab und der Weg über die Düne ist der bessere, aber schwierigere Weg. Mein Freund musste natürlich erstmal 2 Bälle ins schottische Rough ballern, bis er begriffen hat, dass hier die Tiger Line mit über 180m carry außerhalb seiner golferischen Fähigkeiten liegt. Männer…

Der Abschlag zum dritten Loch – Road to the Isles –  ist für den unkundigen nicht einfach zu finden. Vielleicht war ich auch zu verwirrt, aber auf den schottischen Links-Plätzen geht es hin und her, rauf und runter, ganz wie die Natur es vorgibt. Loch 3, wieder ein wunderschönes PAR 3, wird von einer Düne runter gespielt, mit Blick auf die Bucht. Allgemein ist nicht viel los. Aber es soll auch in Schottland vorkommen, dass es andere Spieler auf dem Platz gibt. Hinter uns waren zwei Herren. Ich konnte mit dem Druck nicht umgehen, und habe das Loch gestrichen. It’s all in your head! Aber da versaut es dir bekanntlich am meisten.

Flugschneise zum Grün von Loch 4.

Einflugschneise zum Grün von Loch 4.

Loch 4, Jimmy’s Choice mit 235m ein recht kurzes PAR 4 geht wieder die Dünen hinauf. Hier besteht die Schwierigkeit mit einem blinden zweiten Schlag das Grün anzugreifen. Ein präziser Schlag mitten durch eine Art Hohlweg führt hier zum Ziel. Endlich eingelocht muss die schwere, eiserne Glocke geläutet werden, die einsam und verlassen an einem rissigen Holzpfahl baumelt.

The Bridge – Loch 5 ist ein PAR 3 auf eine kleine Insel umgeben von Wasser und nur über eine Brücke zu erreichen. Hier packt einen der Ehrgeiz und man will unbedingt mit einem Schlag auf dem Grün landen, etwas anderes bleibt einem auch gar nicht übrig. Hier sollte man gleich die Schläger und ggf. einen weiteren Ball für das Loch 6 mitnehmen, da der Abschlag direkt neben dem Grün 5 auf der Insel ist.

Golf spielen im Alter? Die Schotten wissen, wie es geht.

An Loch 6, McEachen’s Leap ein 259m PAR 4, ist ein Vierer-Flight vor uns. Vier Herren, einer älter als der andere. Alle im Wollpullover. Den Jüngsten schätze ich auf 60, den Ältesten auf 93 Jahre. Wobei der Erste seinen Bag trug, die älteren drei Herren schoben ihre Trolley samt komplettem Equipment entschlossen den Berg rauf und wieder runter. Es bot sich ein schier unmenschlicher Wille zum Golf: Der Älteste der Vier

  • konnte nicht mit geradem Rücken stehen,
  • musste sich an seinem Trolley festhalten bzw. abstützen,
  • ging so gekrümmt, dass sein Körper eine L-Form einnahm.

Der Zweitälteste drehte sich regelmäßig zum Letzteren um. Alle warteten geduldig aufeinander. Die machen das bestimmt jede Woche, seit 40 Jahren. Im gleichen Wollpulli. Steife Hüften oder kaputte Schultern wurden ignoriert, es wird gespielt. Daran sollte sich jeder Golfer ein Beispiel nehmen: So gebrechlich der Fourball auch wirkte, der Ball war immer nach einer angemessenen Schlagzahl im Loch (kann ich von meinem nicht behaupten). “Es gibt keine Fotos auf der Scorecard” bekommt eine ganz neue Bedeutung.

The Lang Wang – Loch 7, mit der Fahne am Ende von 437m, liegt hinter den Dünen und ist ein PAR 5. Gelegenheit für Männer-Golf: Driver und Monster-Eisen werden da aus den verstaubten Kuscheltier-Schonern gepult. Platz ist genug da. Hinter den Dünen ist das Spiel für schottische Verhältnisse windgeschützt. Das einzige, was einen kurzzeitig aus der Ruhe bringen kann, ist der röhrende Dampfkessel der vorbeirauschenden Lokomotive. In der Ferne verläuft die Eisenbahnstrecke. Es dauerte einige Minuten bis der behäbige Flight vor uns aus Sichtweite war, aber dann packte ich mein Monster-8er-Eisen aus und prügelte den Ball auf das Fairway. Er flog 8er-Eisen entsprechend. Ausreichend für mich. Ich weiß nicht, was alle mit dem Driver haben. Denn, mit 100-Metern-Weite pro Ball bin ich mit vier Schlägen auch auf dem Grün, ein Put (Träumen wird wohl erlaubt sein) und schon ist es nur ein Mü über PAR.

Das 336m lange Loch 8 Local Hero geht den Berg wieder rauf, die Fahne ist nicht zu sehen. Es ist weiter weg als gedacht und auch das Grün liegt tiefer, d.h. der Ball kann mit Schwung geradewegs vorbeirollen. An diesem PAR 4 ist meine Körpergröße das größte Problem. Ich muss auf gut Glück spielen. Ich sehe nüscht. Das letzte Loch Traigh Mohr, mit seinen kurzen 165m, hat einen atemberaubenden Blick auf das Meer und bei gutem Wetter auf die Inneren Hebriden am Horizont. Der letzte Schlag geht erhoben über der Bucht den Berg runter und beendet am neunten Grün die Runde – also nach sechs weiteren Schlägen dazwischen, bevor der Ball mit seinem wohlverdienten Klong den Tag auf dem Traigh (gesprochen “try”) Golf Cours beendete.

Blick von Loch 8

Blick von Loch 8